Freitag, 8. März 2019

So, do you march?

Internationaler Frauentag ist jetzt Feiertag in Berlin.

Und in meiner "internationalen" Firma führte das in der letzten Woche häufig zu dieser Frage. "What do you do on friday, do you march?" (Was machst Du Freitag, gehst Du demonstrieren?). Und das schaffte bei mir im ersten Moment tatsächlich etwas schlechtes Gewissen. Denn ehrlich gesagt hatte ich nicht mal im Sinn, dass es Demos geben würde (Also fairerweise muss ich sagen: Ich musste mich die Woche mehrmals erinnern, dass Freitag überhaupt Feiertag ist. Und es ist Berlin, hier ist in jeder freien Minute irgendeine Demo)



Wollte ich demonstrieren? Tja, wofür und wogegen denn, was ist die Nachricht die die Demo setzen will. Warum habe ich nichts gehört, darüber? Bin ich d'accord mit denen, die rot angemalte Binden in U-Bahnhöfe kleben. Ist es mir das wert meinen dringend benötigten freien Tag auf der Straße zu verbringen?

Spoiler: Ich war heute nicht demonstrieren. Nicht weil ich es für unwichtig halte Aufmerksamkeit zu schaffen, sondern weil ich den freien Tag genutzt habe mich zu erholen. Denn ich 'march'e vielleicht heute nicht. Aber dennoch kämpfe ich jeden Tag. Nicht so laut und nicht mit Gebrüll; mit meiner puren Existenz, Worten und gezielt hoch gezogenen Augenbrauen:

Feminismus kommt in den verschiedensten Facetten, -vielleicht schon immer- aber im besonderen heutzutage. Das sehe ich ehrlich gesagt positiv, viele Frauen vor uns haben so viel erreicht, dass die -aus meiner Sicht- wichtigsten Rechte (Das Recht auf Bildung, Recht zu Arbeiten, Wahlrecht) schon soweit gewonnen haben, dass wir in der "glücklichen" Lage sind uns verschiedenen Fronten zu widmen.

Und wir haben verschiedenste Ansätze und Ideen, wie wir die verbleibende Ungleichheit angehen. Ich respektiere (fast) jede davon. Meine ist wie ich oft merke etwas außen vor.

Ich persönlich denke leider, Änderungen dauern ihre Zeit. Marschieren und schreien ist wichtig, das stelle ich nicht außer Frage, der Finger muss immer wieder in die Wunde. Aber ich glaube nicht, dass wir damit eine Änderungen herbeiführen. Ich denke nicht, dass auferlegte Quoten etwas bringen. Und ehrlich gesagt auch nicht das generische Femininum (Ich lass mich doch nicht von so einem generischen Maskulinum ausschließen, natürlich fühle ich mich mit gemeint! Ihr könnt mich mal, wenn ihr das nicht so gedacht habt.) Ich fürchte wir ändern nur etwas, indem wir von innen heraus unsere Marke setzen. Und das tue ich.

Ich bin eine Frau in der IT. Ich bin nicht nur eine Frau "in der IT" ich bin Programmierer(inn). Wir sind eine verhältnismäßig kleine Firma. Wir sind bei uns gute zwanzig Entwickler. Ich bin die einzige Frau. Ich bin das gewöhnt. Ich war in Studium und WiMi Zeit fast immer "die einzige Frau".
In der Uni war ich meist intuitiv die Sekretärin. "Die Sekretärin hat heute die Vorlesung gehalten"
Jetzt höre ich eher "Oh, ich hätte gedacht du wärst Data-Scientist" (Da sind es so 20% Frauen bei uns)
Und wenn ich das höre ziehe ich die Augenbraue hoch und warte darauf, dass der Kerl mir gegenüber mit dem nachdenken anfängt. Und im Zweifelsfall helfe ich auch mal auf die Sprünge. Und meiner Erfahrung nach ist das 'selbst darauf kommen und sich unwohl dabei fühlen' weitaus nachhaltiger als ein Rant an der gleichen Stelle. Aber manchmal scheint es ein Kampf gegen Windmühlen zu sein.

Ich bin mitten drin in der "Männer Domäne", warum auch immer sie eine solche ist, denn auch nach vielen Jahren in dem Job habe ich noch nie das dringende Bedürfnis danach verspürt einen Penis zu haben.
Egal, ich mache es mir da gemütlich. Und ich verschaffe mir Platz. Und wenn es nötig ist mache ich es den Herren um mich herum ungemütlich. Nicht laut. Sondern so, dass sie sich auf die Zunge beißen und drüber nachdenken. Manchmal nur, weil ich da bin und missbilligend die Augenbraue hochziehe. Manchmal weil ich freundlich bestimmt den Mund auf mache. Und ich schaffe den Platz damit die, die nach mir kommen ihn bequem einnehmen können und ich hoffe ich schaffe genug davon, dass es bald mehr werden.*

Und ich versuche meine Kinder dazu zu erziehen, dass wir gleiche Rechte und Pflichten haben. In erster Linie durch Vorleben: Mit einer gleichberechtigten Ehe. Mit gleicher Arbeitszeit und gleicher Haushaltspflicht.
Und mit gemeinsamer Verantwortung für einander und unsere Umwelt.

Das ist mein Weg. Nicht laut, nach außen wohl nicht mal sichtbar, aber dennoch kämpfe ich den Kampf mit euch. ✊
Aber auch leise und stetig kämpfen ist anstrengend. Und ich brauchte es heute mal den halben Tag auf dem Sofa lesen zu können. Danke, dass Ihr laut wart.

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*Und ich würde auch gerne mehr unterstützen, aber ich finde es tatsächlich nicht einfach einen "no-bullshit" Zugang zu anderen Entwicklerinnen oder angehenden Entwicklerinnen zu finden.

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