Dienstag, 13. Januar 2015

Abgestillt - Eine Muttermilchstory

Natürlich sind sich alle einig: Muttermilch ist das beste für ein Neugeborenes. Das steht außer Frage.
Wenn man Hebammen, Stillberatern und StillExtremisten glaubt, ist die Muttermilch auch ein Allheilmittel: Quasi jede Frage in den ersten Monaten kann man mit "nimm Muttermilch" beantworten:

Das Kind schnieft? - Tropf Muttermilch in die Nase, die ist abschwellend.
Was soll ins Badewasser? - Ein paar Tropfen Muttermilch, das pflegt.
Das Auge schmiert? - Tropf Muttermilch rein die ist antibiotisch.
Dem Kind ist ein Ohr abgefallen? Tropf Muttermilch drauf, dann wächst ein neues...

Die Statistik sagt sie hilft gegen Allergien, Krankheiten und Übergewicht (Laut Hebamme: Muttermilch macht im Gegensatz zur Pre Nahrung guten Babyspeck der wieder weggeht - Woher das Körperfett weiß aus welcher Nahrung es entstanden ist bleibt mir ein Rätsel).

So oder so ich wollte stillen. 6 Monate. Als ich hörte dass wir Zwillinge bekommen, habe ich dann doch mal gegoogled. Und habe überall gelesen: "natürlich kann man Zwillinge stillen. Es braucht nur ein wenig Übung". Ein bisschen Übung? Das bekommen wir schon hin. Dass es Probleme geben könnte kam mir gar nicht in den Sinn. Wie naiv man mit fast 30 noch sein kann. Jetzt einige Erfahrungen reicher habe ich im Januar nach 3 Monaten angefangen abzustillen, das ist unsere Geschichte:
Meine Mädels und ich hatten von Anfang an Probleme mit dem Stillen. Die beiden sind SSW36+2 auf die Welt gekommen. Nach einem ganzen Tag Wehen dann doch durch Kaiserschnitt, weil die Große an meiner Symphyse hängen blieb.
Am Anfang waren die beiden zu schwach um richtig an der Brust zu trinken, erst bekamen sie den Mund nicht anständig auf, dann hatten sie Probleme mit dem saugen. Ich musste sie im Krankenhaus alle 3 Stunden wecken und versuchen sie anzulegen. Ab und zu trank mal eine an der Brust, dann ging wieder gar nichts. Also wurde mir gesagt ich muss abpumpen und wir haben aus der Flasche Muttermilch und Pre zugefüttert. Auch aus der Flasche war es schwierig für die beiden.
Für mich hieß das alle 3 Stunden aufstehen, Kinder wecken und wickeln (damit sie wach wurden), jeweils mindestens 15 Minuten versuchen anzulegen, dann zufüttern, anschließend 15 Minuten abpumpen. Die ganzen Prozedur dauerte mindestens 1,5 Stunden. Für mich also noch  maximal 1,5 Stunden Schlaf bis zur nächsten Runde. Zuhause habe ich bald soviel abgepumpt, dass wir keine Pre Nahrung mehr brauchten. Das Gefühl der Hochleistungsmilchkuh inklusive.

Meine Pumpstation

Bei der Großen machte es irgendwann *klick* und sie trank von der Brust. Zwar dauerte das ewig, weil sie immer wieder einschlief, aber sie trank. Die Kleine kämpfte dagegen. Und wenn ich schreibe kämpfen, dann meine ich das so. Sie brachte alle ihr mögliche Kraft auf um sich von der Brust wegzudrücken und schrie wie am Spieß... ("Bleibt mir bloß weg mit diesem Fleischpfropfen"), aus der Flasche trank sie.  Das war sehr schwer für mich. Ich hatte direkt Angst vor der nächsten Mahlzeit, weil ich wusste das wir wieder kämpfen würden und weil ich mich wieder wie ein Versager fühlen würde wenn sie am Ende doch die Flasche bekommt.

Fragt man das Netz, ist es eine klare Sache: Saugverwirrung. Das ADHS der Säuglinge. Jedes Stillproblem ist im Grunde eine Saugverwirrung. Also haben wir alle tollen Tipps probiert: Füttern aus dem Becher, Fingerfeeding, spezielle Sauger, Stillhütchen und auch ein "Brusternährungssystem". Bei letzterem klebt man sich beim Stillen Schläuche an die Brustwarzen, die abgepumpte Muttermilch aus einer Flasche beim Stillen zuführen. Ist genauso angenehm wie es klingt.
Letztendlich hat nichts geholfen. Es gab zwischendurch mal eine Zeit in der sie ab und an von der Brust trank (also so zwei von 7 Mahlzeiten), aber das hielt sich nicht lange. Ich habe nach ein paar Wochen aufgegeben zu kämpfen. Ich habe es emotional nicht mehr ausgehalten und es war auch kein Erfolg in Aussicht. Wenn sie wollte trank sie und machte das auch sehr gut, saugte kräftig und konzentriert, wenn nicht gab es Muttermilch aus der Flasche.

Milchvorräte im Kühlschrank
In der Zeit in der es besser lief hatten wir sogar eine Stillberaterin bei uns zu hause. Ich hatte nämlich alle Berichte auf http://www.stillkinder.de/ verschlungen und war sicher: Mit einer Stillbraterin wird alles gut. Das war mal richtig rausgeworfenes Geld und öffnete mir die Augen was das "natürlich kann man Zwillinge stillen" angeht. Ich bat sie mir zu zeigen wie ich am besten beide gleichzeitig stillen kann. Das lief dann eine Stunde etwa so ab:

Sie: "Und dann nehmen sie die zweite, und halten sie hier und dann führen sie sie an die Brustwarze"
Ich: "Mit welcher Hand mache ich das"
Sie: "Äh?"
Ich: "Mit der einen Hand halte ich ja das erste Kind und die Andere brauche ich zum halten dieses Kindes"
Sie: "Hm stimmt"
Ich: "Wie mache ich das also?"
Sie: "Da brauchen sie Hilfe"

Sie hat mir etwa 4 Techniken gezeigt die alle so abliefen. Ich habe es durchaus geschafft beide gleichzeitig zu Stillen, wenn die kleine mal zufällig wollte. Es ist ohne frage machbar, aber Die Stillberaterin hat mir kein Stück weiter geholfen. An alle Stillberater: Probiert das Zwillinge stillen doch mal selbst mit Puppen aus, bevor ihr versucht das jemandem beizubringen.

Flaschenstation
Im Grunde war es dann gute zwei Monate so, dass ich eine der beiden in langwieriger Prozedur an der Brust gestillt habe, die andere versucht habe anzulegen und ihr dann die Flasche gegeben habe. Wenn sie gleichzeitig Hunger hatten kam die Große an die Brust, die Kleine auf die angewinkelten Beine zum Flaschen füttern. Anschließend abpumpen. Alle 3 Stunden. An der Milchmenge scheiterte es nicht, an den ergiebigsten Tagen habe ich mehr als einen Liter Muttermilch abgepumpt und zusätzlich ein Kind satt gestillt. Aber auch dafür habe ich gekämpft: Es gab Tage da habe ich etwa alle zwei Stunden abgepumpt um die Milchbildung anzuregen.
Nur Nachts, wenn der beste Ehemann von allen ein Schicht übernommen hat, habe ich das abpumpen immer geschwänzt. Das bedeutete auch, dass das kuscheln nach dem Füttern eigentlich flach fiel, denn ich musste rechtzeitig abpumpen damit zur nächsten Mahlzeit wieder Milch gebildet war. Wenn die beiden schrien, während ich an der Pumpe hing, konnte ich maximal mit einer Hand versuchen einen Schnuller zu verteilen. In den Arm nehmen, Bäuerchen machen, wiegen... das ging nicht. Die ganze Situation zerrte stark an meinen Nerven.
Die Milchbilanz
Und dann war ich an dem Punkt, an dem ich entscheiden musste ob es mir so wichtig ist Ihnen Muttermilch zu geben, dass ich nicht so gut für sie da sein konnte wie ich wollte. Einerseits weil ich immer wieder an der Pumpe saß, andererseits weil mich das alles sehr erschöpfte. Und weil mir die Muttermilch wichtig ist habe ich die Nummer 3 Monate durchgehalten, jetzt werden Sie langsam entwöhnt und bekommen erst mal Pre und hoffentlich bald Beikost.

Was meine Kinder nämlich noch mehr brauchen als mögliche Vorteile durch Muttermilch ist meine Zuwendung und eine Mutter die nicht mit den Nerven am Ende ist. Liebe geht nicht durch die Brust.
Obwohl ich das weiß fiel und fällt es mir sehr schwer. Ich wünschte ich wäre stärker gewesen, belastbarer. Aber das bin ich nicht.

--marrus

Andere Berichte zum stillen von Zwillingen:
Wie klappt das mit dem Stillen oder der Flasche? von Chaos^2
Zwillinge stillen – am Anfang nicht so einfach auf Stillkinder.de

3 Kommentare

  1. Mach dir doch wegen sowie keinen Stress.
    Und schmeißt Bitte ALLE Erziehungsratgeber weg.
    Du weißt was am besten für euch 3 ist.und wenn du mal kurzzeitig nicht weißt, wartest du bis es dir wieder einfällt.
    Ich hab 3.
    Ein schreikind hab ich großgezogen (ohne Schreibung und ohne Hilfe ich War allein)und gegessen hat sie auch nicht.
    Eine die trank nur Kaba. Ausschließlich. Bis zum 1,5.Lebensjahr.
    Und ein Frühchen. SSW 26+3 Geburtswehen 640g. 5 Monate vollstationär.
    Mei das War schlimm.
    Heute sind sie 18,17 und 12.
    Und alle,ALLE sind gesund und munter.
    Ohne Muttermilch. !!

    Grüße
    Stella

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  2. Autokorrekt ist blöd.
    Aber man kann es erfassen....:))

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  3. Ja, vermutlich vergisst man zu oft die Verhältnismäßigkeit zu betrachten. Wenn ich von deinem Frühchen lese ist es natürlich völlig lächerlich sich über sowas länger den Kopf zu zerbrechen.
    Aber wenn der Hauptinhalt des Tages darin besteht die Kleinen zu ernähren erscheint es einem so wichtig.
    Im Grunde brauchte ich auch nur ein paar Tage mich an den Gedanken zu gewöhnen. Aber das finde ich auch OK. Es darf einem schwerfallen wenn man ein gesetztes Ziel nicht erreicht. :)
    LG marrus

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